Fräulein Else von Arthur Schnitzler

 

Else T., Tochter eines Wiener Rechtsanwalts, befindet sich für einige Urlaubstage im Südtiroler Kurort San Martino di Castrozza. Dort bekommt sie einen Express-Brief ihrer Mutter, in welchem die Bitte an sie herangetragen wird, den reichen Kunsthändler Dorsday um ein dringend benötigtes Darlehen zu bitten, da Elses Vater Mündelgelder veruntreut habe und kurz vor der Verhaftung stehe. Else geht auf Dorsday zu und schildert ihm die schwierige familiäre Lage. Dieser willigt zwar ein, das Geld zur Verfügung zu stellen, fordert aber als Gegenwert die Erlaubnis, Else nackt betrachten zu dürfen.

Else ist Gefangene zwischen unbedingter Loyalität zu ihrem Vater und der starken Sehnsucht nach Autonomie und selbstbestimmter Weiblichkeit. So kann sie sich auf keine der Alternativen festlegen: Würde sie das Angebot Dorsdays ablehnen, müsste sie ihren Vater seinem Schicksal überlassen; das Eingehen auf Dorsday käme aber einer Selbstprostitution und damit der Aufgabe selbstbestimmten Verfügens über den eigenen Körper gleich.

In dieser Konfliktsituation, in welcher Else in ständiger Gedankenvariation ihren Handlungsspielraum auszuloten versucht, zeigen sich immer wieder weitere Aspekte von Elses Begehren, darunter Todessehnsucht und exhibitionistische Wünsche, Liebesbedürftigkeit und kaum eingestandenes Emanzipationsstreben. In Elses lustvoller Imagination öffentlicher Exhibition und gleichzeitiger schamhafter Abwehr einer erzwungenen Entblößung vor Dorsday ist der immer wieder deutlich werdende Zusammenhang zwischen männlicher Dominanz über das Weibliche und einem sich dagegen wehrenden weiblichen Emanzipationsstreben zu erkennen.

So verbindet sich in ihrer überraschenden Entscheidung die exhibitionistische Sehnsucht mit dem von Dorsday ausgeübten Entblößungs-Zwang. Dies vor allem vor dem aktuellen Hintergrund der Harvey Weinstein Skandale der jüngsten Zeit, welche weit über die Grenzen von Hollywood bis in den letzten Winkel unserer Gesellschaft vorgedrungen ist. Die Frage danach, wann Missbrauch oder Prostitution an sich anfängt bzw. als solche/r evident wird, stellt sich der Regisseur Peter Glockner indem er die Schnitzlersche Novelle zu einem Theaterstück umarbeitet und auf die Bühne bringt. Es ist ein Spiel entstanden, das von außen auf die erst 19-jährige Else hereinbricht und sie manipuliert, wenn nicht gar prostituiert. Else, die Sehnsüchte hat, muss diese unterdrücken; ebenso wie Ihr Widersacher Dorsday, dem Glockner in seiner Inszenierung neben seiner schändlichen Forderung auch eine ebenso geartete Sehnsucht zugesteht, die Ihn zwar nicht reinwäscht, aber immerhin eine Begründung für sein Handeln bietet.

Durch die szenische Rollenverteilung wird in der Inszenierung ersichtlich, dass es nicht nur die psychologischen Zwänge von Else sind, die den Reigen vorantreiben, sondern eben auch unser Umfeld, das zu Dingen drängt und treibt welche wir für politisch inkorrekt halten müssen; sie aber dennoch betreiben. Konsequent weitergedacht begeht die Inszenierung auch Felder wie zum Beispiel die des Amoks sowie die der Perversion.

27.03./ 28.03./ 29.03.2018

Black Box/ Gasteig München

 

20.00 Uhr